„Der Leser spürt, ob etwas bloß erfunden oder wahr ist.“

Robert Klement im Gespräch

1000 und 1 Buch


Sie schreiben sozialkritische Bücher für junge Leser und sind dafür bekannt, aktuelle und brisante politische und gesellschaftliche Themen aufzugreifen. Schaut man nicht besser die Abendnachrichten, wenn man wissen will, was in der Welt passiert?

Klement: Etwa 8.000 Bootsflüchtlinge sind ertrunken. Dokumentationen und Statistiken können die abgestumpften Menschen in Europa nicht mehr erreichen. In meiner Geschichte „70 Meilen zum Paradies“ hat das Elend Afrikas Namen und Gesichter. Aufrütteln und Betroffenheit erzeugen kann man nur mit konkreten Schicksalen.

Aber über konkrete Menschen und konkrete Schicksale kann ich auch in einer gut geschriebenen Reportage viel erfahren.

Klement: Gut geschriebene Reportagen über den Irak-Krieg findet man nach wenigen Tagen im Papier-Container, während es Remarques „Im Westen nichts Neues“ seit fast 100 Jahren gibt. Wir kennen hervorragende Anti-Kriegsromane und immer neue Holocaust-Erzählungen, obwohl Zeitgeschichte in Bild und Ton hinreichend dokumentiert ist und unzählige Sachbücher aufliegen. Es besteht also Nachfrage. Ich kann nur ersuchen, „70 Meilen zum Paradies“ zu lesen und sich dann ein Urteil zu bilden, was dieses Buch im Vergleich zu Journalismus und TVReportagen kann, besser kann oder vielleicht nicht kann.

Gibt es literarische Vorbilder für Sie? Autoren, die Sie durch ihre Haltung und ihre Art zu schreiben, beeinflusst haben?

Klement: Ich habe Egon Erwin Kischs Credo übernommen: „Nichts ist erregender als die Wahrheit!“ Das Leben schreibt tatsächlich die packendsten Geschichten. Man muss bloß neugierig bleiben und sich diesen Blick auf die Welt bewahren. Ion Krakauer greift ebenfalls reale Geschehnisse auf, recherchiert viel. „In eisige Höhen“ ist toll, „In die Wildnis“ noch viel besser. Gabriel García Márquez schätze ich wegen seines reportagehaften Literaturstils und seiner klaren, unprätentiösen Mitteilungsprosa. Dass der Deutsche Service für Bibliotheken mich jüngst mit Gary Paulson verglichen hat, ist das größtmögliche Kompliment.

In den 60er und 70er Jahren war die Literatur sehr stark politisch ausgerichtet. „Engagement“ lautete damals das Stichwort. Ist das heutzutage passé?

Klement: Die Verlage setzen auf Fantasy, unsere Welt wird weitgehend ausgeblendet. Sozialkritische Themen sind kaum mehr gefragt. Das war früher anders. Besonders in den 70er Jahren lag der Pulverdampf von 1968 noch stark in der Luft. Wenn Sie heute in eine Buchhandlung gehen, werden Sie kaum ein Dritte- Welt-Jugendbuch finden. Das hat mit der Entsolidarisierung unserer Gesellschaft zu tun. Ein Autor wie Günter Wallraff wäre heute nicht mehr möglich. Trotzdem horchen die Schüler gespannt zu, wenn sie bei meinen Lesungen von brasilianischen Straßenkindern oder Bootsflüchtlingen erfahren. Es ist für einige die totale Gegenwelt zu ihren Video Games, zu Tokio Hotel und zu Starmania.

Wie vermeidet man den pädagogischen Zeigefinger, wenn man sozialkritische Themen literarisch aufgreift? Also das „Man merkt die Absicht und ist verstimmt“.

Klement: Wenn es um die Schwachen, Unterdrückten und Entrechteten dieser Erde geht, dann spricht der Autor für die, die nicht für sich selber sprechen können. Kritik von wegen „pädagogischer Zeigefinger“ habe ich noch nie gehört. Ich mag eben keine Bücher, in denen das leidende Selbst in den Mittelpunkt rückt und literarische Nabelschau betrieben wird.

Wie kommen Sie auf Ihre Themen? Und was ist Fakt, was Fiktion in „70 Meilen zum Paradies“?

Klement: Triebfeder ist die Neugierde. Die beiden Hauptpersonen Siad und Shara gibt es wirklich. Ich habe mit zahlreichen afrikanischen Bootsflüchtlingen gesprochen und an den Schauplätzen des Romans (Tunesien, Lampedusa, Neapel) recherchiert. Das war mühsam und nicht ungefährlich. Aber wenn man über die Wirklichkeit berichtet, muss man sich der Wirklichkeit aussetzen. Der Leser spürt, ob etwas bloß erfunden oder wahr ist.

Schreibt man für junge Leser anders als für erwachsene?

Klement: Leo Tolstoi meinte: „Für Kinder muss man schreiben wie für Erwachsene – nur besser!“ Meine authentische Geschichte des Attentats von Oberwart („7 Tage im Februar“) wurde aufgrund von Presse- und Medienberichten von mehr Erwachsenen als Jugendlichen gelesen. Die Schubladisierung von Kinder- und Jugendliteratur halte ich ohnehin für problematisch.

Tolstoi ist natürlich ein schöner Schluss für unsere kleine E-Mail-Korrespondenz. Trotzdem noch eine letzte Frage: Was lesen Sie denn zurzeit?

Klement: Hans Weigel meinte, man sollte alle wichtigen Bücher alle 20 Jahre wieder lesen. Daher habe ich mir wieder einmal Truman Capotes „Kaltblütig“ vorgenommen und ich muss sagen: Alles, was heute als trendige Krimi-Literatur inflationär die Regale der Buchhändler und die Bestsellerlisten füllt, kann man getrost vergessen. Kein anderer Roman bietet einen tieferen Einblick in die Psychologie des Verbrechens. Seit 30 Jahren ist auch Martin Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“ mein absolutes Lieblingsbuch. Bei den Jugendbüchern zähle ich Uwe Timm zu den Genies in der Szene, weil er mit Humor zu erzählen versteht wie kein anderer.

Herzlichen Dank für unser Gespräch.

AKTUALISIERT AM: 15−12−2017 
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